Fragmente aus der Kindheit

Am 23.12.1971 um 18:05 Uhr in der St. Lukas-Klinik Solingen, Schwanenstraße 132, erblickte ich an einem winterlichen Tag, dass Licht der Welt. Nach Angaben meiner Mutter, sollte ich in diesem Moment, nicht wirklich ein schönes Baby gewesen sein. Sie erinnerte sich daran, dass ich fast in der Farbe einer Pflaume, meinen Weg nach draussen fand. Abgesehen von der Käseschmiere, konnte man mit meinem vorzeitigen Auftritt auf dieser Welt zufrieden sein. Weihnachten war gerettet und ich schrie mich auf der Neugeburten-Station erst einmal richtig durch.

Meine eigenen Erinnerungen an die Kindheit beginnen als 2 Jähriger Knabe, mit goldblonden Haare, Prinz Eisenherz-Frisur und Zahnlückchen. Auch daran, dass meine Mutter mich in einer Plastikbadewanne in der Küche badete und ich somit aus dem Fenster schauen konnte, wobei ich das Gebäude der naheliegenden Kirche erblickte. Viele Erinnerungen in diesen Jahren, waren geprägt von Neugierde, Angst vor küssenden Tanten, sowie Erfahrungen mit Schmerzen, die man bekam, wenn man hinfiel oder sich den Finger zwischen Tür und Türrahmen quetschte. Seltsamerweise schrie ich mir dabei , wie bei meiner Geburt, die Seele aus dem Leib.

Mit ausgeprägten Lungenflügeln kam der Tag Krabbelstube. Früh am Morgen ging es los und meine Mutter putze mich fein heraus. Beschreiben wir es einfach mal so, sie gab sich sehr viel Mühe, meine Füsschen überhaupt in die Strumpfhose zu bekommen. Übrigens, ich habe noch heute zittrige Hände, wenn ich an meine Strumpfhose denke. Dieses Gefühl von Enge auf der Haut und dem kratzigen Stoff der Strumpfhose. Hier galt, je unangenehmer die Strumpfhose, desto strampliger der kleine Thorsten. Nach erfolgreicher Bändigung durch meine Mutter, ging es zum Kindergarten, Sektion Krabbelstube, Abteilung Goldhelm. Zum Thema Goldhelm fällt mir noch ein, dass meine Mutter bei sich immer eine Bürste bevorzugte und bei mir einen Kamm, dessen Plastikstecken sich nie wirklich mit meiner Kopfhaut angefreundet haben. Ebenso wie das Taschentuch, welches angelullt verwendet wurde, um mir diverse Schokoladenflecken und ähnliches aus dem Gesicht zu wischen.

An diesem Tage, wurde mir zum 1.Mal bewusst, wohl weil es auch der 1. Schritt in die eigene Selbstständigkeit gewesen war, dass meine Mutter nicht immer für mich da sein wird. Hand in Hand gingen wir in das Gebäude, anscheinend musste meine Mutter den Weg gekannt haben, zielstrebig steuerte sie ein kleines Büro an. Dort saß ein Mann an einem Schreibtisch. Er begrüßte meine Mutter freundlich, schaute mich allerdings etwas verwundert an, da ich äusserst skeptisch die Szenerie begutachtete und meine Stirnrunzeln hervorschob. Diese Runzeln vergingen schneller als sie kamen, nämlich zum Zeitpunkt, als sich plötzlich meine Mutter verabschiedete. Nicht nur vom Kindergartenleiter, sondern ebenso von mir. Auch hier wie bei meiner Geburt und das Problem mit der Türe, konterte ich lauthals meine Sorgen heraus. War ich doch gewohnt, dass sich nun meine Mutter umdrehte, mich auf dem Arm nahm und tröstete, sowie das ganze mit einer ordentlichen Portion Kuscheln belohnte. Da habe ich mich ordentlich geirrt gehabt, umso schöner und herzlicher war die Freude über ihr wiederkommen.

Ich wäre nicht ganz der Thorsten gewesen, hätte ich mir nicht was neues einfallen gelassen um einen erneuten Abschied zu verhindern und es ertragen zu müssen. Ich benötigte einige gekonnte Tricks, wie z.B. sich einfach auf dem Weg fallen zu lassen und sich keinen Millimeter zu bewegen. Wer trägt schon gerne, ein bockiges Kleinkind kilometerweit. Dachte ich, meine Mutter nicht. So ging die Krabbelstube einige Jahre mit mir zusammen über die Bühne. An diese Zeit kann ich mich nur noch räumlich erinnern, weil die Kunst dort bestand, dass man betreutes Schlafen erhielt. Im Tagesablauf war es aber immer stets das Gleiche. Ich strampelte, ließ mich fallen, weinte, schlief, freute mich und am Ende des Tages musste ich im Bettchen zum Einschlafen ein kleines Gebet aufsagen, welches ich durch meine Zahnritzen eher mehr nuschelte als aufsagte.

Da ich so goldig gewesen bin, bewachte und behütete mich eine Stoff Negerpuppe, die eine schwarz/weisse Latzhose trug, lustige Augen besaß und rote Lippen aus Filz. Da ich immer erst einmal so tat, als würde ich einschlafen, hatte ich übrigens genug Zeit, aus den roten Lippen, eher mehr rote Fransen zu fummeln. Eine tapfere Puppe, der ich oft in der Nacht beim intensiven Schlafen, meinen Schlafspeichel und Blubberbläschen spendierte. Der Mohr hatte seine Schuldigkeit getan, der Mohr durfte gehen und so kam ein weiterer Stiller Held in meinem Schlafgemacht. Ein blauer Bär, hüstel seit wann gab es blaue Bären, wusste ich natürlich nicht und weil er eine ausreichende Größe besaß, war es mir eigentlich auch bestimmt egal gewesen. Er ertrug alles, üppigste Körperdehnungen, meine Wurfkünste, mein abendliches Bärengequatsche und meine Sabberaktionen. Er fand nach einigen Waschmaschinengänge seinen Frieden wohl in der Mülltonne.

Mülltonne, ein Begriff der mich zu einem Markenzeichen werden ließ, nämlich an dem Tag, als ich 5 Jahre alt gewesen bin und das Privileg erlang in den Kindergarten Abteilung Hort zu dürfen. Eine geniale Zeit, wenn ich mich gerne daran erinnere. Schnell nahmen mich die unterschiedlichen Kinder in ihren Reihen auf. Durch mein zartes äusseres Wesen, war ich auch bei den Mädchen sehr hoch im Kurs und beliebt. Eine Tatsache, die mir zu diesem Zeitpunkt lange Arme gemacht hat. Alle zogen mich am Arm hin und her, jenes und dieses sollte ich mir anschauen. An einem Tag allerdings, war das am Armziehen eines der elementaren Ereignisse in meinem Leben. Sandra Luchtenberg, war ihr Name. Sie zog mich in einem kleinen Raum, in dem nur ein Tisch stand und Stühle herum. Allerdings war über dem Tisch eine große Decke gelegt und es entstand daraus eine Höhle.

Das weckte natürlich meine Neugierde und ich krabbelte als erstes hinein. Natürlich erhoffte ich mir einen Fundus von Süssigkeiten, welche ich gemeinsam mit Sandra aufnaschen würde. Stattdessen lag da nichts Süßes, viel mehr fragte mich Sandra überraschenderweise ob ich schon mal geküsst hätte. Hühü, stolz verkündete ich, ein Fachmann zu sein und meine Mutter wäre der Beweis und Zeuge, meiner Künste. Sandra schien es wenig zu beeindrucken und sie schaute mich ein wenig verdutzt an. Sie ließ aber nicht lange auf sich warten und kam gleich auf dem Punkt. Nein, meinte Sandra, ob ich schon einmal ein Mädchen geküsst habe auf dem Mund. Ich verneinte, es war so abwägig und unverständlich, warum man ein Mädchen küssen sollte und das noch auf dem Mund.

Ich fühlte auch, dass hinfallen nicht wirklich was helfen könnte, da ich bereits auf den Knien hockte und weinen nichts daran änderte, dass Sandra nun von mir einen Kuss verlangte. Ich beugte mich nach vorne zu ihr, sie spitze den Mund, was ich auch tat um den Eindruck zu erwecken, ich sei geübt, vergass dabei aber total, dass ich vorher nur meine Mutter erwähnte. Ich erblickte diesen Glanz auf ihren Lippen, feucht und irgendwie auch komisch, dennoch kam es zu meinem First-Kiss. Glitschig, superschnell und mit knallroten Wangen, erlebte ich diesen glorreichen Moment. Zur allgemeinen Beruhigung nahm ich meine Actionfigur Big Jim in die Hand, krabbelte aus der Höhle heraus und suchte Zielstrebig etwas, worauf die Faust von Big Jim schlagen konnte, wenn ich den passenden Druck auf seinem Rücken ausübte.

Mülltonne, die Erklärung war leichter gesagt als getan. Oft musste mich meine Mutter vom Kindergarten abholen, weil ich grosse Grabungen vorgenommen hatte auf dem Kindergartengelände. Es gab keinen Tag, wo man mich nicht mit samt den Anziehsachen dirket unter die Dusche stellen musste. Eine Fahrt an den Möhnesee mit dem Kindergarten war eine gute Gelegenheit, meinen Namen gerecht zu werden. Hinter dem Gebäude der Jugendherberge, entdeckte ich eine Baustelle mit einer Anhöhe, von der man herrlich in das ausgehoben Matschebett springen konnte. Die Feuerwehr durfte mich dann aus diesem Matsch befreien, weil es sich um einen sumpfartigen Matsch handelte und ich bis zum Halse darin steckte. Natürlich waren alle begeistert, besonders meine Mutter, als man sie anrief und darauf vorbereitete mich bei Ankunft abzuholen.

Meine Mutter verpasste mir deswegen und daraufhin eine robuste kurze Lederhose, an die sich meine Mutter noch viele Jahrzehnte erinneren sollte. So auch, dass eben diese Lederhose oft zum Schneider gebracht werden musste und der Schneider meine Mutter fragte, was denn los sei und wie ein kleiner Fratz wie ich es vermochte, das Leder überhaupt zu löchern. Nun ja, der Höhepunkt ereilte sich, als meine Mutter eines Tages aus dem Küchenfenster schaute und mich an der Ampel auf der Kreuzung standen sah und sich fragte, warum ich ein Baströckchen trug. Irgendwie hatte ich einen guten Schaukeltag erwischt, samt wilder Klettereinheiten durch alles was sich mir in den Weg stellte. Die Lederhose hing komplett in Fetzen an mir herunter, in Streifen und Stücken.

Wie konnte man das ganze noch toppen und seine Eltern an den Rand der Verzweiflung treiben, obgleich man das eigentlich nicht wollte. Diese Frage ergab sich dann auch in regelmäßigen Abständen. Der Tag an dem ich im Kindergarten Rharbarber entdeckte. Ich trommlete meine Kindergartengang zusammen und zeigte Stolz wie ein Entdecker diesen Fund. Wir machten uns auch direkt daran, die Stangen von den großen Blättern zu befreien und hauten unsere Beisserchen hinein. Zucker musste her! Sowas von einem sauren Geschmack hatte ich nie zuvor erlebt. In einer fast schon agentenartigen Weise, besorgten wir den Zucker aus der Küche des Kindergartens und gingen an den Fundort zurück. Wir dippten zufrieden die Stangen in den Zucker und das gecrunche des festen Stengel überbot das Geräusch des Schmatzen.

Mit dem Völlegefühl im Magen, gingen wir in unsere Gruppe des Kindergartens zurück und verkündeten von dieser Tat. Mit grossen Augen und mit einer leichten Form von Entsetzen, gingen die Kindergärtnerinnen mit uns zum Fundort zurück. Ich glaube, es waren nur 40 Minuten, als wir uns alle wieder im Städtischen Krankenhaus Solingen zum Magen auspumpen wiederfanden. Rharbarber schien nicht immer Rharbarber zu sein, umso erstaunlicher fand ein Botaniker, der sich im Krankenhaus die Ehre geben musste darüber, dass wir die Säure überhaupt ertragen hatten, beim verputzen des Grüns. Das die Eltern uns dort abholten und natürlich nicht sehr glücklich darüber gewesen sind, kam dann doch die Erleichterung für sie, dass alles nach dem Erbrechen unbenklich gewesen war.

Dann kam meine Einschulung, einen Tag der mir noch bis heute nachhaltig in Erinnerung geblieben ist. Im Hort befanden sich schon einige in der Grundschule und alle verwiesen daraufhin, dass man an diesem Tage eine Schultüte bekam, ein Füllhorn von Schleckzeug und nützlichen Gegegnständen wie Spielwaren und ähnliches. So konnte ich diesen Tag nicht erwarten und war bereis eher auf den Beinen als meine Mutter. Natürlich hatte ich meine Schultüte immer im Auge, es sollte ihr nichts geschehen und ihr Geheimnis sollte ja noch gelüftet werden.

Wir standen gemeinsam auf dem Schulhof, die Sonne strahle hell vom Himmel herunter und ich kann mich daran erinnern, dass ich immer meine Augen zukneifen musste und mich das äusserst störte. Die Besichtigung der Klasse, die Vorstellung des Lehrers und die Rundgang in der Grundschule, erschienen mir unerträglich lang. Doch dann kam der Moment, wo ich mein Fülhorn genausstens begutachten konnte und mich auf dessen Inhalt konzentrierte. Schokolade, Schleckzeug, Rennautos, Hörspielkassetten oder eine größere Überraschung waren die Begierde meiner Lust. Nun ja, was mich tagelang in seinen Bann zog, zeigte sich als Malkasten, Stifte, Lineal, Radiergummis und Schulzeug. Nie zuvor hatten sich meine Augen so tief in etwas hineinbewegt, sodass mein Augapfel bis zum Schultütenboden fiel und verzweifelt nach den Traum meiner Schultüte suchte.

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Eine Antwort to “Fragmente aus der Kindheit”

  1. Wo ist der Rest ??? ICH WILL MEEEHHHHR 😀

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