Artikel to Heaven

Liebe Mutter,

Du bist nun genau ein Jahr nicht mehr bei mir und es vergeht kaum ein Tag, an dem ich nicht an Dich denken muss. Ich erinnere mich dabei an so viele Dinge, die wir gemeinsam erlebten oder ich erlebt habe, weil ich so handelte, wie Du mich gelehrt hast. Wir waren nicht immer wirklich ein gutes Team und sind dabei durch dick und dünn gegangen. Es war für Dich nicht leicht, durch mich und ebenso andersherum. Wir hatten aber auch viele gemeinsame Stunden, Tage, Monate und Jahre. Ich bin aus deinem Schoß gesprungen, ohne das man mich danach fragte ob ich es auch eigentlich wollte. Doch ich war da und hatte die Aufgabe, für dich ein Sohn zu sein.

Ich weiss das ich vieles im Leben nicht wirklich gut gemacht habe, ich nicht nur verletztend sondern auch enttäuschend gewesen bin. Komischerweise, hast Du nur meine Niederlagen erlebt und kaum die Siege, die ich in meinem Leben feiern konnte. Doch hatten wir viele Momente, wo wir uns angekuschelt haben, oder Du mir hast, dass Fahrradfahren beigebracht. Meinen Magen mit leckeren Essen gefüllt und mir eine Schulausbildung ermöglicht. Dafür hast Du viele Entberhungen auf Dich genommen, wo ich es vielleicht einfach versäumt habe, dich dafür zu entschädigen. Doch eines war Dir immer gewiss, meine Liebe zu Dir.

Ich habe sehr viele Erinnerungen an Dich, Momente in denen Du dich hast mit einem Lächeln bedankt, oder auch vor Freude geweint hast. Ich konnte Dir dein Enkelchen zeigen, doch sie Dir nicht für immer zur Verfügung stellen. Du hast Phasen erlebt, wie ich an Stärken und Schwächen gewachsen bin. Die erste Liebe, der erste Kater, mein erstes Lächeln, mein ersten Atemzug und aber auch, meine Enttäuschung, Pickelphase, aufgeschlagene Knie, Knochenbrüche aber auch meinen Gesichtsausdruck, als man mir den Po versohlt hat.

Du warst und bist die einzige Person in meinem Leben, die immer für mich da gewesen ist. Selbst hätte ich wegen Mordes im Knast gesessen, Du hättest zu mir gehalten. Als ich schwer Erkrankte und um mein Leben ringte, hat es Dich schier in den Wahnsinn getrieben. Seit diesem Tage habe ich Dich nie wieder gesehen. Dich noch einmal in den Arm zunehmen, habe ich mir so sehr gewünscht. Zu wissen, dass es Dir nicht gut ging in der Ferne und Du mir zu verstehen gabst, dass alles Gut wird und ich in diesem Moment spürte, dass es das nicht mehr wird.

2 Tage vor deinem Ableben, habe ich Dich im Krankenhaus angerufen, ich befand mich selber in stationärer Behandlung, habe ich sofort gewußt, dass Du mich anlügst und nur damit ich mir keine Sorgen mache. Mit meinen üblichen Worten „Mama, halte die Zähne fest, ich küsse nun“, legtest Du mit den lustiggemeinten Worten “ Du Drecksack“ auf und das waren die letzten Töne von Dir in meinem Ohr. Als Du dann tagsdrauf mich nicht mehr sprechen wolltest, habe ich innerlich sehr gelitten und fühlte mich dermaßen hilflos. Genau vor einem Jahr wachte ich durch ein Gefühl im Traum um halb 8 in der Früh auf, nahm mein Handy in der Hand und versuchte Dich zu erreichen.

Der Stationsarzt, teilte mir am Telefon mit, dass Du um diese Zeit ansprechbar gewesen bist und 10 Minuten später hast alles frei gegeben und bist eingeschlafen. Ich weiß das Du es nicht gerne hören würdest, mit deinem Einschlafen ging so vieles mit Dir in mir. Eine wichtige Säule in meinem Leben und seitdem ist es mir nicht mehr gelungen, dieses zu kompensieren.
Ich kämpfe mich durch mein Leben, mache täglich fortschritte, aber auch viele Fehler, sei es in der Liebe, weil ich nicht geliebt werde, oder auch nur in meinem ganzen Leben.

Oft würde ich auch gerne in den Sack hauen, einfach alles freigeben, doch so hast Du mich nicht erzogen und es würde dir übel aufstossen, es zu lesen. Ich wäre aber nicht dein Sohn, wenn ich nicht so wäre, wie ich bin. Es ist nicht der Tod, der so weh tut, sondern das loslassen an einem Menschen, der für einen am Wichtigsten gewesen ist. Ich kämpfe weiter für ein bißchen Glück, für ein bißchen Zufriedenheit, all jenes, was Du für mich vorgesehen hattest. Es tut mir so vieles Leid und mir ist in den letzten 2 Jahren bewußt geworden, dass wir vielleicht doch ein starkes Team gewesen sind.

In all der Dunkelheit, die uns umgibt, richte ich mein Herz und Gedanken nach Dir und werde als Zeuge dafür dienen, dass es dich gegeben hat. Auf meiner Zunge, wenn ich schmecke, in meinem Herzen, wenn ich fühle und in den Dingen, die ich noch vollziehen werde.

Ich Liebe Dich, dein Sohn!

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4 Antworten to “Artikel to Heaven”

  1. Wunderschön geschrieben, lieber Thorsten… irgendwie paradox, dass es sich in meinem Leben am heutigen Tage auch immer um dieses Thema gehen wird… bis hin, zu meinem Ableben. Einfach aus der Sicht der liebenden Mamma zum wichtigsten Stern in meinem Leben.

    Eine warme Umarmung für dich.

  2. Mir fehlen die Worte……..
    Es tut einfach weh………….
    Und sei Dir sicher Thorsten…………..
    Du bist mit Sicherheit nicht ungeliebt ………..

  3. gefühlt. Keine meiner Worte können es beschreiben….
    Bin sprachlos, mit Tränen die an meinen Wangen entlang laufen………….
    Thorsten,… Lächel

  4. ich sitze hier und heule..wunderschön geschrieben..
    zippi

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